Die längsten Tage – Tag 06: Rentier-Safari zum beinahe nördlichsten Punkt Europas

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Wir haben so ziemlich alles, was sich lohnt, in Alta und Umgebung abgegrast und so ziehen wir wie die Rentiere weiter. Wenn man die Fahrt in einem 120 PS Allradauto in irgendeiner Weise mit der natürlichen Migration von Wildtieren gleichsetzen kann. Aber das hat bei Metaphern noch nie jemanden gekümmert.IMG_6161

Nachdem ich das Navi mit den Daten unseres neuen Hotels gefüttert hatte, stürzten wir uns abermals in den norwegischen Verkehr. Gestern wurde ich von Nils mehrmals gewarnt, nicht nur auf die Straße zu achten, sondern auch auf die Umgebung. Wildwechsel sei eine reale Gefahr, denn die Rentiere wären hier Autos gewöhnt und würden nicht unbedingt von der Straße oder vor Autos fliehen. Auf den ersten hundert Kilometern haben wir alles mögliche gesehen, aber keine Rentiere. Wir erlebten verschiedene Wetterlagen (Sonne, Regen und eine Mischung aus beiden, alle paar Minuten im Wechsel), Tunnel die sehr urig wirkten (komplett unverputzt und nur ein paar Lampen in die Decke gedübelt), andauernd wechselnde Straßenqualität oder ein paar vereinzelte Souvenier-Läden am Straßenrand.
Aber dann waren sie da und die Warnung war berechtigt. Diese Viecher rennen hier wirklich überall herum und wenn ein Rentier da ist, gibt es noch mehr. Stellenweise habe ich mich wie bei einer Rentiersafari gefühlt, sie waren überall und haben geschlafen, gegrast oder sind um das Auto herum gelaufen. Es ist also eine verdammt gute Idee langsamer zu fahren und nach weiteren potentiellen Opfern Ausschau zu halten.IMG_6171

Gegen späten Mittag sind wir in unserem vermeintlichen Hotel angekommen. Jedenfalls das Hotel, dessen Adresse in der Bestätigungsmail stand. Nach anfänglicher Verwirrung erklärte uns die Empfangsfrau mit Stolz, dass es in diesem Ort drei verschiedene Scandic Hotels geben würde und wir wären wohl in dem nächsten untergebracht. Leider hat ihr Englisch nicht ausgereicht, um eine brauchbare Wegbeschreibung zum diesem zu geben. Spätestens bei der Aussage, dass es ca. 5 Autominuten oder 200 Meter entfernt gelegen wäre, wurde ich hellhörig. Nach nur minimalen Verfahren habe ich dann auch das zweite Scandic gefunden. Wie sich herausstellte, hatte sie bei beiden Aussagen recht, wenn man davon ausgeht, dass sie 200 Meter Luftlinie gemeint hat und das zweite Hotel auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens ist. Ich bezweifle aber, das ich die Koffer 200 Meter schwimmend in 5 Minuten geschafft hätte. Also stimmte doch irgendwas an ihrer Aussage nicht.

Wir luden abermals unsere Koffer aus und suchten die Rezeption auf und versuchten einzuchecken. Da sprang uns schon das nächste Scandic-Problem an. Nach bestimmt 20 Minuten Diskutieren, Gesuche im Computer-System und beinahe eine Rückempfehlung auf das erste Scandic Hotel fand man unsere Reservierung. Genau dann, als nicht mehr das Empfangsmädchen mit ihrem Gesicht über die Tastatur gerollt ist, sondern die Hotel-Managerin fachfrauisch mit Maus und Tastatur umzugehen wusste. Anscheinend wurde bei meiner Reservierung nur mein Nachname richtig übernommen und meine Vornamen mit denen meines Vaters durcheinander geworfen. Wir krallten unsere Zimmer-Lochkarten, bezogen unsere Zimmer und hielten erst einmal ein Palaver ab, was wir mit dem angebrochenen Tag machen sollten. Da wir heute super Wetter haben, plädierte ich dafür, gleich zur Nordkap Platform zu fahren, da das Wetter hier sehr wechselhaft ist und wir dies nicht verschenken sollten. So bewaffneten wir uns wirder mit unseren (Foto-) Schießwerkzeugen und begannen die Felsklippen zu erklimmen. Die Straßen waren zwar nicht schlecht, dafür aber nicht übermäßig breit und stark befahren.Je näher wir der Plattform kamen, desto stärker und internationaler wurde der Verkehr. Als wir schließlich angekommen waren und den schon fast raubritterlichen Eintritts- und Parkpreis von 25 € pro Persohn gezahlt hatten, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Der Parkplatz war von mindestens 30 Wohnmobilen, zwei Kleinbussen und 4 Großbussen belagert. Hier waren Norweger eindeutig in der Unterzahl, dafür hatten wir keine Probleme mit Deutsch, war ja die gefühlte Hälfte aller Anwesenden hier deutsch. Die vier Großbusse die ich vorhin erwähnte, hatten alle deutsche Kennzeichen.IMG_6859

Ich schob meine eigenartige Abneigung, anderen Deutschen im Urlaub zu begegnen, beiseite und stellte mich den schon orkanartlgen Boen. Dank dieser “lauen Lüftchen” sank die reale Temperatur von 4 Grad Celsius auf gefühlte “Scheiße, ich spüre mein Gesicht nicht mehr” Grad. Zu unserem und sekundär auch dem Glück aller anderen, haben sie hier die Nordkapphallen gebaut. Diese sind so schön beheizt, dass man sich die Klamotten gleich wieder vom Leib reißen möchte, die man Momente zuvor nicht schnell genug anziehen konnte.

Es gibt hier allerhand zu sehen. Am wichtigsten ist natürlich der Souvenir-Laden, weswegen er auch sehr dominant am Eingang zu finden ist. Gegenüber ist gleich das Restaurant / Cafe zu finden. Wir ignorieren alles erstmal und haben unsere Augen nur auf das Ziel gerichtet, die eigentliche Plattform. Unsere Entscheidung, heute noch hier Aufzugkreuzen war gut. Das Wetter ist super (für Nordkap-Verhältnisse) und so stürzen wir uns in die Tourismus Aktivitäten. Hätte ich ein M60 anstelle meiner Kamera gehabt, hätte man mich glatt mit Rambo verwechseln können, so viel habe ich geschossen. Ganz zu schweigen von meinem adonischen Körperbau. Nach einiger Zeit treibt uns die IMG_6914rauen Naturgewalten wieder in die warmen Hallen, wo wir unsren Aktivitäten gleich weiter nachgehen. Wir plündern den Souvenir-Laden, warfen unsere Postkarten ein, besuchen die Kapelle für eine kurze innere Andacht und laufen Stirnrunzelnd an dem unterirdischen Thai-Pavillion vorbei. Der soll an den Besuch von König Chulalongkorn von Siam im Jahr 1907 erinnern. Der heutige Besuch von König Helge ist natürlich an Wichtigkeit mindestens gleichzusetzen, aber ich werde wohl keinen eigenen Oavillion bekommen. Aber was soll es, wahre Größe wird ja oft verkannt und so gestatten wir uns erst einmal einen leckeren Kaffee, sehen dabei auf die Aussichtplattform und auf das Nordpolarmeer. Gleich neben dem Café an der Rezeption kann man dem “Royal North Cape Club” gegen einen geringen einmaligen Obulus beitreten. Dafür bekommt man nicht nur ein schickes, goldenes Stück Papier (das Diplom) und eine Kreditkarten große ID, sondern auch allerhand anderen Swag (Sticker, Pin, etc). Die Einnahme des exklusiven Clubs hilft den Umweltschutz der Region zu finanzieren und man bekommt auf Lebenszeit freien Eintritt zur Nordkapp Platform (Parkgebühren sind nicht unbedingt inklusive). So bin ich jetzt stolzes Mitglied Nummer 45955 des Royal North Cape Club geworden.

Da es hier fast durchgehend hell ist, ist es sehr schwer die Tageszeit einzuschätzen und so fällt uns erst jetzt auf, dass es schon früher Abend ist. Nach kurzer Bestandsaufnahme besteigen wir unser Allrädriges Metallisches Ross und reiten unserem Hotel entgegen. Wir alle freuen uns auf das erste warme Mahl für heute und auf unser Bett. Denn die Tage hier (Achtung Wortspiel) sind lang (hier bitte lachen).

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